Sonja Kowalewski: Jugenderinnerungen



Sonja Kowalewski war eine Überfliegerin in Sachen Mathematik: Reisestudentin, Professorin, Preisträgerin. Sie war u. a. deutschen Geschlechterexperten verdächtig. Ein Kenner des Unterschieds zwischen Mänern und Frauen, Robby August Koßmann, beschäftigt sich ausführlich mit den den Einschränkungen, die die Natur dem weiblichen Wesen eingefleischt hat. In seiner Einleitung `Die Sonderung der Geschlechter` (in: Robby August Koßmann, Julius Weiß (Hg.), Mann und Weib. Ihre Beziehung zueinander und zum Kulturleben der Gegenwart. Volkstümlich dargestellt...; Bd. 1: Der Mann. Das Weib; Stuttgart/Berlin/Leipzig o. J.): Koßmann konzediert beiden Geschlechtern Wahrnehmungs- , Vorstellungs- und Erinnerungsvermögen. Und dann folgert er: „Es ist nun eine Eigentümlichkeit unseres Geistes, daß er mehrere Vorstellungen, und zwar gleichgültig, ob sie soeben erst durch eine Wahrnehmung erzeugt oder durch Erinnerung wieder hervorgerufen sind, miteinander vereinigen, assoziieren oder kombinieren kann, und daß durch diese Assoziation eine dritte Vorstellung gebildet werden kann, die – mindestens für das Bewußtsein – neu ist.“ (S. 36) Und bei diesem Assoziationsvermögen hapert es bei Frauen: es ist „durchschnittlich viel geringer als beim Manne“ und dies gilt „sowohl hinsichtlich des Urteilsvermögens als auch hinsichtlich der Einbildungskraft.“ Das entscheidende Defizit der Frau ist dabei vor allem das eingeschränkte Assoziationsvermögen – die „geringere Befähigung, bei der Bildung neuer Vorstellungen durch Kombination mehrerer anderer streng nach Denkgesetzen zu verfahren.“ (S. 37) Der empirische Beweis: „Diejenige geistige Tätigkeit, in der die Urteilskraft am reinsten zu Tage tritt, ist die Mathematik. Die Betätigung auf dem Gebiete der Mathematik ist so wenig an die Gunst äußerer Umstände, besonderer Gelegenheiten, Apparate oder dergleichen gebunden, daß Schwierigkeiten äußerer Art nicht wohl die Entfaltung der weiblichen Befähigung für mathematische Arbeit unmöglich gemacht haben können. Und dennoch wissen wir nur von einem einzigen Weibe, von Sophie Kawolewska, daß sie eine wirklich hervorragende mathematische Befähigung gehabt hat." Für Koßmann gab es dafür nur eine Erklärung: in diesem Falle lag, wie das Ende der unglücklichen Frau gezeigt hat, eine Geisteserkrankung vor.“ (S.37f.) Tatsächlich starb Wassiljewna Kowalewskaja als international angesehene Stockholmer Mathematikprofessorin 1891 – an einer Lungentzündung.


Kovalevskaja, Sonja: Jugenderinnerungen. Sonja Kowalewski. Mit e. Nachw. von Peter Härtling. [Aus d. Russ. übers. von Louise Flachs-Fokschaneanu. Bearb. von Marianne Spiegel]  2. Aufl., 5. - 6. Tsd. Frankfurt am Main : S. Fischer, 1983. 175 S. ; 20 cm Pp.

Zum Angebot