Ika Freudenberg: Die Frau und die Kultur des öffentlichen Lebens



 
Die Redaktion des Schweizer Zeitung `Frauenbestreben` meldete im Februar 1912 den Tod von Ika Freudenstein: "Die Verstorbene besass in hohem Grade die Fähigkeit, die wirtschaftlichen und geistigen Bedürfnisse der bayerischen Frauen klar zu erkennen und massvoll aber entschieden auszusprechen". Während auf der Seite der Arbeiterbewegung Frauen mit den Männern im Namen des Sozialismus für Gleichberechtigung kämpften, war Freudenberg Streiterin im bürgerlichen Lager: dort wurde für eine neue Gesellschaft gestritten, hier für die Humanisierung der bestehenden. 1896 übernahm sie den Vorsitz des `Vereins für Fraueninteressen`. Der Vereinszweck wurde in der Satzung von 1920 präzisiert: Ziel war es, »die Frauen zur Teilnahme am öffentlichen Leben zu erziehen, sie insbesondere zur Mitarbeit an den Werken allgemeiner sozialen Fürsorge heranzuziehen und heranzubilden, die Pflege geistigen Lebens zu fördern und die Bildungs- und Berufsinteressen der Frau zu vertreten." ( der Verein ist in München u. a. mit Bildungs- und Beratungsangeboten unverändert aktiv ). Unter dem Vorsitz von Ika Freudenberg entstanden Auskunftsstellen für Frauenberufe, berufsständische Organisationen für Frauen, eine Rechtsschutzstelle für Frauen. 1899 war Ika Freudenberg an der Organisation des `ersten Bayerischen Frauentages` beteiligt: `hunderte Tagungsteilnehmerinnen aus München`, zahlreiche Frauen aus anderen bayerischen Städten kamen. Dies war möglich, weil 1898 das bayerische Vereinsgesetz novelliert worden war: bis dahin war für `Frauen und Unmündige die Mitgliedschaft in politischen Vereinen sowie die Teilnahme an politischen Versammlungen untersagt`. Die gesetzliche Änderung entsprach der männlichen Idee zeitgemäßer Weiblichkeit: `Nunmehr durften volljährige weibliche Personen an öffentlichen Veranstaltungen und Vereinen teilnehmen, die den besonderen Berufs- und Standesinteressen bestimmter Personenkreise oder den Zwecken der Erziehung, des Unterrichts und der Armen- und Krankenpflege dienen.` Freudenberg setzte in einer Grundsatzrede den `Rahmen`, `in den sich das Tagungsprogramm einordnete`. Die drei Themenschwerpunkte der Versammlung hielten sich an das Frauenbild der gesetzgebenden Männer: des ging um `die Reform des Kostkinderwesens`, um die `Kellnerinnen-Frage`, um die rechtliche Stellung der Frau im BGB. In ihrer Erinnerungsrede zum 100. Jahrestag des Frauentreffens erwähnt Hildegard Kronawitter die Anwesenheit von zwei Männern: der Sozialdemokrat Georg von Vollmar (d. i.: Georg Carl Joseph Heinrich Ritter von Vollmar auf Veltheim), der sich in dieser Zeit vom radikal-sozialistischen zum staatstragenden Sozialdemokraten wandelte, und der Rechtsanwalt Max Bernstein, der als `Staranwalt der Opposition` (Wikipedia) Sozialdemokraten, Dissidenten und Rebellen vertrat. Am Rande: als Vereinsmitglieder waren auch Männer zugelassen. Dabei waren u. a. Rainer Maria Rilke, Paul Heyse und Ernst von Wolzogen. Und auch Freudenbergs frauenpolitisches Manifest hatte einen männlichen Herausgeber: Jakob Wychgram nahm es in seine Reihe über `Die Kulturaufgaben der Frau` auf. Wychgram war in seiner Funktion als Lehrer an höheren Mädchenschulen und Ausbilder von Lehrerinnen in die Nähe der Frauenbewegung geraten und forderte an der Seite Helene Langes die Reform des höheren Mädchenschulwesens und die Öffnung des Universitätsstudiums für Frauen.


Freudenberg, Ika: Die Frau und die Kultur des öffentlichen Lebens (= Die Kulturaufgaben der Frau, hgeg. v. Jacob Wychgram); C. F. Amelangs Verlag, Leipzig, 1911. 332 Seiten 8° , Leinen

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